Leatherface, Mad Chapel, 24.04.2010 in Düsseldorf, Stone im Ratinger Hof - Bericht von Fö
Leatherface, 24.04.2010 in Düsseldorf
Einziger Nachteil: Es ist Samstag und wir fahren mit der Regionalbahn nach Düsseldorf. Die Junggesellenabschiede auf dem Weg in die Altstadt sind echt nicht zum Aushalten, könnt ihr nicht einfach alle ganz traditionell in ne Tittenbar gehen und uns in Ruhe lassen? Nee, wir müssen ein peinliches Elvis-Double ertragen, das unser Zugabteil mit (immerhin) Alice Cooper aus dem Ghettoblaster beschallt, ein als Baby verkleideter Dorfdepp will Schnäpperken verkaufen und wedelt dabei mit seiner urinbefüllten Nuckelflasche, hinzu gesellt sich bald ein Trupp gackernder spätpubertierender Frauen. In der Altstadt selbst folgen ein schwuler Lederbubi mit Plastik-Popo, der anscheinend Sexspielzeug verkauft sowie ein betrunkener Hase, der die Kelly Family auf Akustikgitarre covert. Bevor wir in Versuchung geraten, unsere Mordphantasien in die Tat umzusetzen, betreten wir lieber den Ratinger Hof...
...und kaum sind wir drinnen, fängt auch schon die Vorband an. Das nenn ich mal Timing. Mad Chapel nennen sie sich, machen ganz netten Rockabilly und sehen etwas verloren aus da auf der Bühne. Der Sänger versucht sich stimmlich irgendwo zwischen Johnny Cash und Volbeat's Michael Poulsen - naja, ich hab wirklich schon schlechtere Sänger gehört.
Kann man sich anhören, aber irgendwie würde es auch nicht weiter stören, wenn die Musik aus der Konserve kommen würde. Keine Ansagen außer mal ein "Danke" hier und da. Bewegung ist immerhin von der Bassistin zu sehen, was aber nicht davon ablenkt, dass sie geradezu krampfhaft auf ihren Basshals starrt.
Insgesamt trotzdem ganz netter Auftritt, sind zumindest keine Stümper am Werkeln, auch wenn es gerade im Rockabilly deutlich spannendere Bands gibt. So ganz passen Mad Chapel auch nicht ins Vorprogramm von Leatherface, da wären mir die ursprünglich mal angekündigten Social Distrust deutlich lieber gewesen.
Egal, antreten zum Gottesdienst! Frankie Stubbs und seine Mannen erobern den Konzertraum im Nu. Mit "Isn't Life Just Sweet" vom aktuellen Album beginnt die Show, aber spätestens als anschließend "Springtime" vom 1991er Kultalbum "Mush" erklingt, ist das Publikum nicht mehr zu bremsen.
Was ne Band! Über allem thront natürlich die krächzigste Stimme seit Erfindung des Reibeisens, Frankie Stubbs legt live nochmal eine ordentliche Portion Stahlwolle obendrauf und so dröhnt sein Gesang ganz sprichwörtlich durch Mark und Bein
Seit ein paar Jahren wieder dabei: Ur-Gitarrist Dickie Hammond, der auch im Fischerhut eine enorm gute Figur macht. Nebenbei teilt er artig seine Kippen mit der ersten Reihe
Da kann der Bassist optisch nicht so ganz mithalten. Muss er aber nicht, das Transformers-Shirt ist ja auch total Punk. Dafür versteht man bei seinem Dialekt kein Stück von dem, was er uns sonst so mitteilen will.
Rauschebart Frankie Stubbs gibt sich zu Beginn des Auftritts noch recht wortkarg, wird aber von Song zu Song lockerer. Ebenso wie es auch bei mir ein wenig dauert, bis der Funke endgültig überspringt und dieses Konzert aus dem Stand weg in die Top-10 der letzten Monate (ja, ich bin bescheiden) katapultiert
An Material konzentriert man sich wie erwartet gut auf das aktuelle Album, das aber mit Stücken wie "Never Say Goodbye" oder "My Worlds End" auch wirklich ganz große Stimmungshits zu bieten hat. Aber auch die älteren Alben kommen nicht zu kurz, allen voran natürlich das erwähnte Album "Mush"
"I Want The Moon", ist so ein Stück, charakteristisch für den emotionalen und aufbauenden Punkrock der Marke Leatherface, geradezu einladend dazu, ordentlich Punkrockfinger und Fäuste fliegen zu lassen
Nachdem Frankie Stubbs seine Monitorbox weggetreten hat ("need place to dance!"), wird seine Laune auch zunehmend besser. Sehr sympathisch: Endlich beschwert sich mal ne ausländische Band darüber, kein Becks zu mögen - und es trotzdem serviert zu bekommen. Geil!
Kleiner Blick in das inzwischen aus allen Nähten platzende Stone. Ordentlich was los und alterstechnisch gut durchmischt, der Laden. Vielleicht ein Grund, weswegen Stubbs später feststellt, dies sei das bisher beste Konzert der Tour gewesen - vielleicht sagt er das immer, aber es klang aufrichtig.
Womit wir uns so langsam auch mal auf den wirklich wichtigen Part des Sets zu bewegen: Den Zugabenteil! Nach "Dead Industrial Atmosphere" verlassen Leatherface die Bühne, die Stimmung im Club hat gerade ihren Höhepunkt erreicht, ab sofort können wirklich alle Reserven rausgeholt werden.
Ein Live-Klassiker der Band: "Hops and Barley", dementsprechend abgefeiert wird dieses Kleinord moderner Saufhymnen. Vor der Bühne inzwischen ein einziger Tumult an Gliedmaßen, großartig!
Dreimal noch verlassen Leatherface die Bühne, und immer fordert die Meute sie lautstark zurück. Wahnsinn, was sowohl Publikum als auch Band für eine Ausdauer an den Tag legen. Insgesamt dürfte der Auftritt wohl knapp anderthalb Stunden gedauert haben, was bei dieser schweißtreibenden Show gar nicht mal so selbstverständlich ist
"Höhepunkt" dann selbstverständlich "You Are My Sunshine", zu dem das Publikum die Bühne und die Mikrofone stürmen darf - was da abgeht, spottet tatsächlich mal jeder Beschreibung. Nicht umsonst bezeichnet Stubbs die Version schließlich als "third worst ever". Gestern in Bielefeld wars aber anscheinend noch schlechter. Mist.
Immerhin ist dadurch etwas Platz frei geworden vor der Bühne - also kann sich Frankie Stubbs hier auf seine Gitarrenarbeit konzentrieren...
Jau. Auch nach dem Coverstück lassen die Fans nicht locker und brüllen minutenlang den Laden nieder, bis Leatherface noch ein letztes Mal die Bühne betreten. Ganz groß, super Konzert und in naher Zukunft wahrscheinlich erstmal nicht zu überbieten. Daumen hoch.
Und wir, wir machen uns auf den Rückweg. Diesmal sind nicht mal Junggesellenabschiede in der Bahn, dafür böse Metaller - geht doch. Schön wars.