Atterkop, Betrunken im Klappstuhl, Raffnix, 10.02.2017 in Schwerte, Rattenloch - Bericht von Zwen
Atterkop, 10.02.2017 in Schwerte
1. Hochkaräter des Abends sind die Bourgeoisie-Rebellen von BETRUNKEN IM KLAPPSTUHL, die ja vor kurzem das lang erwartete Album "Mehr als ein Gefühl" veröffentlicht haben. Geiles Dingen; ich finde es ja nur etwas schade, dass die Band zu den aktuellen Vorwürfen kein klares Statement abgegeben hat. Leider wird auch heute Abend nichts in der Richtung gesagt. Schade, ich weiß nicht, ob man sich die Gruppe nun überhaupt noch live angucken darf, oder ob man da direkt in zwielichtige Kreise abrutscht. Nachtrag: Am 12. Februar verfasste die Band dieses halbherzige Statement, welches mich aber auch nicht wirklich überzeugt. Aber lest selbst.
Fö versucht das irgendwie zu retten, aber seine Worte wirken nicht wirklich ernst gemeint und sinnlos runtergeleiert. Ulf hingegen trinkt nach seinem Entzug in der Klinik Dr. Schwabenschlägle nur noch Wasser. Ich hätte ja nicht gedacht, dass Ulf nüchtern so gut abliefern könnte, aber es funktioniert.
Apropos, Ulf versucht hier gerade gutgelaunt, nüchtern und in topform das zu schaffen, was das Wrack hinterm Schlagzeug nicht vollbracht hat. Nämlich den Stick in 32 perfekten Drehungen, in einem Winkel von 76° und mit einer Geschwindigkeit von 311 km/h von der Bühne ins Publikum zu werfen und zwar mit dem Rücken zu diesem. Unglaublich aber wahr, das Kunststück gelingt. Da weint das linke Auge. Während sich der Typ neben mir aus dem anderen mühevoll den Stick wieder herauszieht.
Frontmann Ulf genießt den tosenden Applaus, auch wenn er ein bisschen von den skandierten "Lili! Lili!"-Rufen angenervt ist. Eigentlich spielen sie ja das Lied bereits seit 2006 nicht mehr, nachdem sich damals ein unschöner Vorfall mit abgepackten Marmeladengläsern ereignete, über den ich an dieser Stelle nicht sprechen möchte.
Aber sei es drum, das Publikum hat Bock und beginnt zu den hardcorelastigeren Songs der Band den Pool völligst einzunehmen. Hier im Bild sieht man gerade die größte Wall Of Death in der Geschichte von Schwerte.
Getrieben von der Euphoriewelle geht nun auch Bassist Fö ins Publikum. Okay, sowas machen mittlerweile selbst Die Toten Hosen, aber Betrunken Im Klappstuhl haben dieses Element der Avantgardeunterhaltung ja schließlich erfunden.
Als Zugabe gibt es dann noch ein kleines Bassduell zwischen Peter und Fö, wobei es zuerst so aussieht als hätte Peter tatsächlich eine Chance. Leider wird gegen Ende schnell klar, dass Fö zunächst nur ein bisschen rumgeklimpert hat um dann mit seinen wahren Können alles in Grund und Boden zu spielen und spätestens bei seiner 6Finger-Downstroke-Slap-Technik, weicht Peters Grinsen einer Fratze des Schreckens.
Musikalisch gibt es gut gewürzten Crossover/Crackrock-Punk/Dub, was insgesamt für ein geiles Feuerwerk sorgt, bei dem Abwechslung wirklich sehr groß geschrieben wird.
Besonders krass finde ich ja diese extremen Tempowechsel, die von ultraschnellen Bretterparts mal ganz gelant in einen smoothen Off-Beat-Takt breaken.
Komplett verrücktes Huhn dieser Sänger, nicht nur, dass er wie von der Tarantel gestochen über die Bühne springt und in die Luft boxt, nein, er spricht auch fließend Deutsch. Krasser Typ! Der Rest seiner Band jedoch nicht, weshalb vom Gitarristen hin und wieder mal ein "Is he making fun of me?" kommt.
Mein einziger Kritikpunkt ist der in der ersten Hälfte des Sets fast bei jedem Song genutzte Echo-Effekt im Mic des Sängers. So ab und an ist das ja mal ganz cool, aber bitte nicht ganz so oft. In der 2. Hälfte wird das Gerät aber auch sparsamer gestreut und ich bin wirklich vollends zufrieden. Gerechtfertigterweise gibt es dann auch mal anständige "Zugabe!"-Rufe, die natürlich auch gerne vorgetragen wird.
Im Backstage spielen sich übrigens gerade unglaubliche Szenen ab. Nachdem Peter ja vorhin das Bassduell gegen Fö verloren hat, fordert er jetzt im Billard. Der sichtlich angetrunkene Fö kann zwar mittlerweile kaum noch stehen, ist sich aber auch nicht zu fein um die Herausforderung anzunehmen. Blöd für Fö, dass der Schnaps mittlerweile seine ganze Wirkung zeigt und wir zwar von Peter auch keine gute Leistung sehen, es dieser aber immerhin schafft die Kugeln anzustoßen. Nachdem Peter nur noch die schwarze Kugel auf dem Tisch hat, setzt Ulf seine kontinuierlichen "Sieg oder Spielabbruch!"-Rufe in die Tat um, schnappt sich die weiße Kugel und schluckt sie runter. Die Stimmung droht nun endgültig zu kippen. Peter ruft noch "Du Lump!" (im Bild sehr gut zu sehen) und holt schon mit der Bierflasche aus, als Jenny dazwischen springt und die beiden Parteien so gerade noch einmal mit einem Unentschieden besänftigen kann.
Letzte Band dann heute die Beinaheholländer von RAFFNIX, die heute den Rausschmeißer machen müssen, da kann man ja nur verlieren.
Heute wird sich der Auftritt auch nicht mal schön gesoffen. Das führt dazu, dass zwar alle auf ihren Füßen bleiben, nimmt aber auch den Überraschungseffekt aus der Show.
Generation Facebook guckt sich derweilen "Betrunken im Klappstuhl: Die 10 besten Ausraster on stage" an.