Open Flair Festival: Gankino Circus, The Bates, Crossover Slam, Byebye, Pete York, Der Sänger von die lieben Löwen, 09.08.2018 in Eschwege - Bericht von Kabl
Open Flair Festival Tag 2/5, 09.08.2018 in Eschwege
...und dieser Schock sitzt in der Innenstadt von Eschwege. Der Sänger der LIEBEN LÖWEN sitzt in der Fußgängerzone und spielt Lieder, die alle davon handeln, wie das lyrische Ich irgendwo auf die Straße scheißt. In seinen Ansagen erzählt er dem Publikum davon, dass er seine rechte Körperhälfte nicht mehr spürt. Außerdem hat er eine Bayern-Tour gemacht, die in Ulm begann. Auch möchte er mit seiner Band bitte überall spielen.
Das Open-Flair hat für jeden Geschmack etwas zu bieten. Hier die stiefmütterlich behandelte Marienkäfer-Stage.
Nach dieser lustigen Bummelei durch die Innenstadt gönnen sich Herren von Welt auf dem Campingplatz erst mal eine schmackhafte Zigarre unter ihrem Sonnenschirm.
Dieses Bild habe ich gemacht, da es mal so 20 Minuten enorm geregnet hat und ich das dem Leser optisch kund tun wollte. Auf der Bühne spielt BYEBYE, von denen ich ehrlich gesagt nichts mitbekommen habe, aber gleich noch etwas mitbekommen werde...
...denn das Duo ist kurzfristig beim CROSSOVER SLAM im E-Werk eingesprungen. Bei dieser Art von Slam treten Künstler in den Disziplinen "Poetry", "Liedermachen" und "X" (eine freie Form der Kunst) gegeneinander an. Ein Karikaturist hat Personen gezeichnet und ein Beatboxer war präsent. Dann noch zwei Poetry-Slammer, eben BYEBYE und ein weiterer Liedermacher. Das war sehr kurzweilig und interessant, weil die Akteure allesamt sehr unterhaltsam waren. Sympathisch auch: Es gab am Schluss keinen Gewinner, obwohl dies dem Publikum während des Slams immer versucht wurde weis zu machen, sondern jeder wurde abschließend nochmals gleichberechtigt abgefeiert.
Weiter mit Kultur: Ganz kurzfristig wurde eine Lesung über die 90er-Jahre Punkrockband THE BATES angekündigt. Der Autor las dort immer kurze Passagen aus seinem Buch vor und befragte den Schlagzeuger der Band, Klube, nach weiteren Ergänzungen. Zwischendrin spielten zwei ehemalige Weggefährten Bates-Klassiker und Solonummern des verstorbenen Sängers Zimbl.
Besonders als Klube zu dessen Tod Stellung bezieht, wirkt er sehr emotional. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass er angeblich über Jahre 30 Bier und 3 Flaschen Korn täglich gesoffen, nichts mehr gegessen und nicht mehr geschlafen haben soll. Zusammenfassend eine sehr interessante Lesung mit stimmiger musikalischer Umrahmung. Das Buch werde ich mir vermutlich zulegen und mich mal ernsthaft mit den BATES befassen.
Und nochmal Kultur: Im Kleinkunstzelt nebenan spielt PETE YORK. Der spielt Jazz. Warum ich mir das trotzdem anschaue? Weil er eine Koryphäe ist, da er in Helge Schneiders Jazzclub eine tragende Rolle gespielt hat.
Musikalisch hochwertig und vor allem für Schlagzeuger interessant, da sich der Jazz-Stil an den Drums wirklich erheblich von der geläufigen Rock/Pop/Punk-Musik unterscheidet. Doch PETE YORK zieht keine One-Man-Show ab, vielmehr lässt er seinen Mitmusikern auch viel Zeit für Soli.
Danach schnell wieder ins E-Werk. Und zwar zum absoluten Highlight des Tages. Was sag ich, des Festivals. Und ich gehe sogar soweit und behaupte: Das könnte das beste Konzert 2018 werden. Mit ziemlicher Sicherheit sogar.
Hier spielen GANKINO CIRCUS. Die habe ich vor Jahren mal als Vorband von Eläkeläiset gesehen und fand die damals schon klasse. Aber was heute passiert, das ist meiner Meinung schlichtweg ganz nah an der absoluten Perfektion eines Konzerts dran.
Hier spielen vier Typen aus der fränkischen Provinz auf Schlagzeug, Gitarre, Klarinette und Ziehharmonika größtenteils verdammt schnellen, unglaublich komplexen Volksmusik-Punk in krummen Takten und mit instrumentaler Raffinese.
Das Überragende jedoch ist die Show: Jedes Lied wird in eine Gesamthandlung eingebettet, so entsteht eine Geschichte. Doch dem ist nicht genug: Jedes Lied wird auch noch mit irgendeiner Art von Showeinlage verfeinert, hier zum Beispiel wird mit einer Bohrmaschine Gitarre gespielt.
Hier zieht sich der Schlagzeuger während (!!!) des Schlagzeugsolos komplett von Kopf bis Fuß um. Bei einer progressiven Ballade, die fast 15 Minuten dauert, wird ein selber gebautes Gerät aus Knochen bespielt. Zwischendrin rennen die Musiker umher, nehmen sich gegenseitig hoch und beschimpfen das Publikum als "hessische Dimpfl", denen primitivste Unterhaltung zu genügen scheint. Großartig, ich lach mich schlapp.
Am Ende wird in dieser Position (siehe Bild) das Volkslied "Horch was kommt von draußen rein" verpunkt. Ich wiederhole mich: Großartig! Besser geht es kaum. Sympathisch auch, dass die Band fast eine halbe Stunde länger spielt als geplant. Ich bin dermaßen begeistert, dass ich beschließe, nach diesem Highlight ins Bett zu gehen. Zwar hätten die Mad Caddies noch auf einer Hauptbühne gespielt, nach der Darbietung von GANKINO CIRCUS können sie aber nur noch verlieren. Und es sind ja noch drei Tage Festival.