Kiew und Tschernobyl, 17.-19.06.2019 in Kiew (UA), - Bericht von der Redaktion
Urlaubstrip Teil 3: Kiew und Tschernobyl, Ukraine
Ach komm, es könnte schlimmer sein. Stell dir nur mal vor, das bestellte Taxi wäre nicht gek...oh. Wir hatten den Tipps aus dem Reiseführer vertraut und unserem Vermieter gebeten, für uns ein Taxi zu bestellen, damit wir zum Festpreis und nicht zum Touri-Preis zum Busbahnhof gebracht werden. Aber vom Vermieter hörten wir erst am nächsten Tag wieder was, als er sich tausendmal dafür entschuldigte, verschlafen zu haben. Nagut, dann eben doch früh morgens ein Taxi anhalten und Touri-Preise zahlen...
Was aber immer noch tausend Mal besser war, als den Bus nach Kiew zu verpassen...
Pro-Tipp, den wir erst am letzten Abend lernten: In der Ukraine gibt es Uber! Endlich mal wieder früh aufstehen. Heute mit neuer "Rekordzeit" um 4:45 Uhr. Ja, morgens! Leck mich doch am Arsch, wie soll man sich denn hier erholen!
Dafür ist der Reisebus nach Kiew mehr als hervorragend! Super bequem, super viel Platz, keine nervigen Kinder oder Handygespräche komischer Mitreisenden (Hallo deutscher Nahverkehr du armseliger Bastard!) Da können während der knapp 6-stündigen Fahrt doch noch 2-3 Stunden Schlaf nachgeholt werden.
In Kiew gibt es wie überall viele Kirchen, die fast alle ein goldenes Dach haben. Kirchen sind zwar per se sowas von überflüssig, sehen aber wenigstens ganz schick aus. Ich meine wo kämen wir denn da hin, wenn überflüssige Dinge nicht wenigstes gut aussehen würden.
Extra für unsere Ankunft wurde heute die Hauptverkehrsstraße zum Maidan-Platz für Autos gesperrt. Das ist sehr nett von den Leuten hier. Könnte auch daran gelegen haben, dass heute Feiertag ist.
Welt. Wir haben uns allerdings mit diesem (ebenfalls sehr beeindruckendem) Exemplar zufrieden gegeben.
Wohl die schnellste und steilste Rolltreppe mit der ich jemals gefahren bin. Angeblich gibt es in Kiew die tiefste U-Bahnstation der
Wohl die schnellste und steilste Rolltreppe mit der ich jemals gefahren bin. Angeblich gibt es in Kiew die tiefste U-Bahnstation der
Ebenfalls ein Top-Spot ist der Aufstieg vom Stadtteil Podil den Andriyivsky Uzviz (Gesundheit) hinauf. Sehr schönes Künstlerviertel, vorbei an hübschen Häusern und jeder Menge Buden die ganz viel Krimskrams verkaufen.
Hätte nach Odessa und Chișinău wirklich keine so lebendige Stadt erwartet. Zumindest das Zentrum ist wirklich sehr jung, belebt, international und "hip". Oben angekommen wird man mit toller Aussicht über Kiew belohnt. Überhaupt ist die ukrainische Hauptstadt ein echter Hingucker. Worth a visit liebe Leute.
Muss man vorab buchen und kostet um die 100 Euro, das ist es aber absolut wert! So jetzt aber: Hauptgrund und definitiv das Highlight unseres diesjährigen Trips ist der Besuch des Atomreaktors in Tschernobyl.
In dem Gebiet um den Reaktor herum gibt es zwei militärische Sperrzonen, die man nur im Rahmen einer geführten Tour besuchen darf. Einen 30 KM-Kreis, der mittlerweile nach über 30 Jahren wieder von einigen wenigen Menschen bewohnt werden darf und die absolute 10 KM Sperrzone, die auch die nächsten Jahrzehnte (Atomenergie, ole!) nicht bewohnbar sein wird.
Nach dem Unglück am 26.04.1986 dauerte es noch 1-2 Tage, bis die Gegend evakuiert wurde. Die Bewohner ließen alles liegen, wie es war - in der Annahme, sie müssten ihre Häuser nur übergangsweise verlassen. Es gibt verstörende Bilder von verlassenen Häusern, Ruinen und wilder Natur zu bestaunen. Das ist interessant wie verstörend zugleich. Ein dicker Kloß im Hals begleitet mich während des gesamten Tages.
Das Zentrums des Dorfes, eine mittlerweile renovierungsbedürftige Örtlichkeit, die vor allem für festliche Anlässe, Diskussionrunden, politische Arbeit und kulturelle Veranstaltungen genutzt wurde. Ein neuer Anstrich und schon ist hier alles bereit fürs nächste Bierschinken-Festival.
Party-Besuchern geführt haben. Muss sagen, dass wir das so direkt nicht mitbekommen haben. Klar, wir waren nicht die einzige Reisegruppe, aber eigentlich kam man sich nicht in die Quere, und selfie-süchtige Spaß-Instagrammer hab ich auch keine gesehen. Was nicht heißt, dass es die nicht gibt. Unverständlich, wie manche Leute den von Kiki erwähnten Kloß im Hals einfach so runterschlucken können um sich hier selbst zu inszenieren.
Um Tschernobyl ist derzeit ein kleiner Hype, ausgelöst durch eine Serie, die die Geschehnisse von damals zeigt. Ohne die Serie gesehen zu haben: die Geschichte hier vor Ort eingetrichtert zu bekommen, ist nochmal um einiges intensiver. Angeblich soll der Hype auch zu einigen unbequemen
Ein Wert bis zu 0,3 soll unbedenklich sein und findet man auch in Großstädten, an einigen Stellen finden wir Werte bis zu 50 - die sind aber speziell ausgewiesen. Verlässt man die Wege und geht in nach wie vor kontaminierte Bereiche, können es auch schnell mal 1000 werden. Also: Schön vorsichtig und immer auf den Guide hören! Unser ständiger Begleiter ist ein Geigerzähler, der die Höhe der Strahlung an den Stellen misst, die uns der Tourguide "präsentiert".
Anfassen, hinsetzen, Sachen mitnehmen....alles Dinge die man bitte tunlichst unterlassen sollte, wenn man auf der Heimreise nicht fröhlich "Burli" von der EAV trällern möchte.
Ein Weg mit Schildern von allen Dörfern aus dem Umkreis, die nach der Katastrophe geräumt, gesäubert oder abgerissen werden mussten. Man kann sich nur schwer vorstellen, was das alles für die ohnehin nicht auf Rosen gebettete Bevölkerung damals bedeutet haben muss. Es waren um die 160 übrigens!!
dieser Quelle nicht, also glaubt nicht alles was der Reiseführer (oder die App des Touren-Anbieters) euch sagt...
Chornobyl soll das ukrainische Wort sein für "Wermut", in der Bibel der Name eines Sterns, zu dem es eine zur Katastrophe passende Bibelpassage gibt: "Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen.". Daher wohl auch diese Statue vom Engel mit seiner Posaune. Hat also die Bibel das Unglück vorausgesagt? Nun, dazu müsste die Hypothese stimmen, dass Tschernobyl wirklich die ukrainische Übersetzung für diesen Stern ist. Ist es aber laut
Es gibt so viele erschreckende Details und Infos, die man im Rahmen dieser Tour erfährt, und die ein für mich ansonsten bisher eher abstraktes Geschehen sehr plastisch werden lassen. So waren die ersten, die an den Brandherd geschickt wurden, unschuldige und ungeschützte Feuerwehrleute, die nicht einmal über die Strahlung informiert wurden, an der sie wenig später starben...
Diverse Maschinen und Roboter aus der ganzen Welt waren nach dem Unglück im Einsatz, um die kontaminierte Schlacke abzutragen - versagten aber schon nach gut 10 Minuten, weil sich bei der hohen Strahlungsbelastung selbst die Elektronik verabschiedete. Also wurden doch wieder Menschen reingeschickt, um ein noch größeres Unglück zu verhindern. Menschen, die maximal 40(!) Sekunden(!) am Tag in der Nähe des Reaktors arbeiten durften, um keine zu hohe Dosis abzubekommen.
Die ganze gespenstische Szenerie ist umgeben von wunderschöner Natur, die mehr als 30 Jahre ohne menschlichen Einfluss tun und lassen konnte was sie wollte. Nur halt leider total verstrahlt!
Als wir in die innere 10km-Zone fahren wollen, verwehren uns die Grenzbeamten zunächst den Zugang, wegen eines Zwischenfalls, den wir nicht ganz verstanden haben. Wir müssen also etwas Zeit rumkriegen. Die Reiseleiterin bringt uns zu einem so genannten "Self-Settler", der bereits kurz nach der Katastrophe in sein altes Dorf zurück gekehrt ist und bis heute dort wohnt, als einer von 2 noch lebenden Bewohnern - 82 Jahre alt ist er mittlerweile. Ebenfalls sehr bedrückende Geschichte und Erlebnis.
Irgendwann dürfen wir dann doch in die 10km-Zone einreisen. In dieser befindet sich das Atomkraftwerk, das teilweise (neben dem havarierten Reaktor gab es noch 3 weitere aktive und einen im Bau) bis ins Jahr 2000 in Betrieb war.
Der erste Sarkophag wurde tatsächlich direkt nach dem Unglück gebaut. Da der ganze Bums jedoch vor ein paar Jahren zusammen zu fallen drohte, hat man kurzerhand noch die hier Bild zu sehende "Grabkammer" darüber gebaut. Die Strahlenwerte sind überraschenderweise direkt vorm Sarkophag im Gegensatz zum Kindergarten oder anderen Stellen in der Zone sehr gering. Man konnte sich dem explodierten Reaktor tatsächlich bis auf knapp 70 Meter nähern. Über den havarierten Teil ist heute ein dicker Sarkophag gebaut worden, der die Strahlung im Inneren lässt. Soll immerhin noch 100 Jahre halten, dann muss was neues her.
An dieser Stelle befand sich der "rote Wald", ein Bereich in dem alle Pflanzen wegen der hohen Strahlenbelastung abstarben und nur kahle rote Baumstämme übrig blieben. Mittlerweile wurde der Wald abgetragen, die Strahlung ist hier aber immer noch recht hoch - organisches Material, und damit auch der Boden, speichert Radioaktivität eben sehr lange.
Die Stadt Prypjat befindet sich in direkter Nähe zum Kraftwerk. 1970 erbaut, war es eine reine Arbeiterstadt, ein Großteil der knapp 50.000 Einwohner arbeiteten für das Atomkraftwerk. Der Ort wurde komplett evakuiert. Man sieht hier also eine Stadt, die gerade mal 16 Jahre alt war, als sie überraschend von einem Moment auf den anderen zur Geisterstadt wurde.
Verdammt! Dosenbier ist auch keins mehr da! Der alte Supermarkt. Die einsturzgefährdeten Gebäude zu betreten ist verständlicherweise untersagt, trotzdem sieht man dass hier in der Zwischenzeit schon so einiges von Menschenhand verrückt und geklaut wurde.
Der Freizeitpark sollte zum Tag der Arbeit eröffnet werden - 4 Tage vorher wurde die Stadt evakuiert. Die Fahrgeschäfte waren also komplett fertig, aber nie in Betrieb... Wer möchte mit mir Autoscooter fahren? Wir leuchten vielleicht hinterher zusammen grün!
Und hier zu sehen: Das Infield des Stadions. Mittlerweile wurde die einstige Rasenfläche komplett von der Natur in Beschlag genommen...
Das ist übrigens ein Greifhaken, mit dem man radioaktives Material aus dem Reaktor entfernt hat. Ihr ahnt es vielleicht: Das ist immer noch hochgradig verstrahlt.
Trotz 1-2 Witzen (Humor muss sein und ist eine gute Möglichkeit mit schwierigen Themen umzugehen), kann ich mich da kiki nur anschließen und würde dem Ausflug jedem ans Herz liegen. Es gibt sehr viel zu sehen und vieles was es nicht zu sehen gibt. Insgesamt ein sehr bedrückender Ort, der lange im Gedächtnis bleiben wird. Tja, das war also dieses Chernobyl. Ein wirklich hochinteressanter und aufregender Ausflug. Definitiv eine Sache, die man wohl nie vergessen wird. Für uns geht es erstmal zurück nach Kiew, wo der Abend mit einem leckeren Essen beim Georgier und ein-zwei sehr guten Mojitos beendet wird. Krasser Tag!
Next and last day: Das Kloster Lavra möchte, dass wir es besuchen. Ziemlich unspektakulär, wenn man überzeugter Atheist ist. So glotzen wir ein paar goldene Dächer an, gucken wie sich die Leute bekreuzigen, als hätten sie gestern erst ein Atomkraftwerk aus der Nähe gesehen und verlassen diesen Ort alsbald auch wieder.
Immer bergauf entlang der Hauptstraße! Wer wären wir denn, wenn wir uns einen schönen Weg suchen würden? Äh, wo geht es lang?
Nachdem wir endlich die Straße verlassen, auf der wir uns nicht nur unsere täglich Dosis Co2 (soll ja laut Guido Reil richtig gesund sein!) geholt haben, sondern uns das Dröhnen der PKWs - Kopfsteinpflaster sei dank! - noch eine zeitlang in den Ohren hängen wird, sind die Parks wirklich eine Wohltat. Durch diverse Stadtparks geht es zur Insel Trukhaniv.
Saugeiles Ausflugsziel über eine extra angelegte Fußgängerbrücke. Auf der Insel gibt es Strände, Eis-und Bierbuden und jede Menge Bars zum Verweilen.
Als wir die Parkovy Pedestrain Bridge überqueren ist ziemlich viel los. Bei dem schönen Wetter scheint halb Kiew auf die kleine Insel im Fluss zu wollen um ein bisschen die Füße ins Wasser zu halten. Außerdem kann man hier Bungee-Springen. Ein nicht mehr ganz nüchterner Typ, schlägt den mehr oder weniger professionellen Event-Veranstaltern jedoch ein Schnippchen, indem er sich über das Geländer schwingt. Mal eben Shirt, Uhr und Telefon abstreift und sich in die Tiefe fallen lässt und das auch noch überlebt!
Ab in die Schaukel oder Hängematte, kaltes Bier auf die Kralle und das schöne Wetter genießen. Ach, das ist diese Erholung von der immer alle reden..
Meine Hoffnung war, dass sich in Tschernobyl entweder ein Klon meiner selbst bildet, oder ich einen Sinn bekomme, der nicht mehr lokal auf meinen Körper beschränkt ist. Passieren tut jedoch nichts, was aber eigentlich auch ganz gut ist, da unsere Guide uns gestern noch erzählt hat, dass das Weiterleben mit Mutationen höchst problematisch ist. Dennoch verpassen wir ein bestimmt großartiges Konzert. Bereuen tue ich es trotzdem nicht. Dafür dürfen wir uns heute den Soundcheck eines geilen Elektro-DJs anhören, der jetzt schon total abgeht und wo die Publikumsinteraktionen einfach vom Band kommen. Mega! In dieser wunderschönen Strandbar mit wunderschöner Kulisse haben am Abend zuvor die Black Lips gespielt! Aber da wir erst spät aus Tschernobyl zurück kamen, konnten wir das nicht mehr wahrnehmen.
Ach, also ich fand auch die Donaudelta-Tour unter lauter Locals sehr spannend. Wie eigentlich alles, was wir so an Ausflügen gemacht haben.
Da war ich tatsächlich am Ende des ersten Tages ein wenig angenervt. Einfach too much freetime, zu viel russisch und eine viel zu lange und eintönige Bootsftahrt, aber wenn man den Rest der Zeit so viel cooles gesehen hat, wird man ja wohl auch mal ausgiebigst über winzige Downer meckern können. Tatsächlich fand ich Odessa auch nicht verkehrt, zumindest, wenn man mal den Arcadia-Ballermann etwas verlässt. Ach, bin jetzt gerade mal eine Woche wieder zu Hause und möchte mich am liebsten wieder in den Flieger setzen. Scheiß Fernweh! Ein Betonbild zum Abschluss darf natürlich nicht fehlen! 11 Tage Bierschinkentour... das war mal wieder sehr fein. Highlights ganz klar Chernobyl, aber auch Kiew als unglaublich moderne und offene Stadt, sowie die Wanderung in Moldawien. Nächstes Jahr gibt es dann bestimmt auch wieder mehr Tiere!