Prolog:
Erhabene Stimme aus dem Off: "will eigentlich niemand Muff Potter besprechen?"
Rezensent im Robin-Hood-Kostüm: "Muff Potter mach ich!"
Chor der allwissenden Punk-Verrisszensenten: "DENK ABER DRAN DASS DIE FRÜHA VIEL BESSA WAAN!!!!!!"
Akt 1: Die Unsicherheit ist überall!
Ich hadere. Mit vielem, so zum Beispiel Punk, der nach abgestanden Zigaretten-Mundgeruch, Windeleimer und der Deutungshoheit, die pausenlos an ein ominöses "Früher" erinnert, stinkt. Sie, die Punx, die einst alles gesehen hatten, alles getan hatten, das Punk-Game durchspielten, das Mic droppten, aber auf dem Weg raus dann doch wieder umkehrten, weil der Topf noch heiß war und es noch Sachen zu verkochen gab, alles wissen und all ihr Wissen immer ungefragt zur Verfügung stellen, sie sind überall. In den Bands, in den Fanzines, in den Medien (ja, auch im Öffentlich-Rechtlichen) und in mir selbst, dabei bin ich nicht mal ein echter Punk, sondern eine 'Pseudo-Zecke' (O-Ton echte Strassenpunks zu meinem 15-Jährigem vor Selbstzweifel und drei Akkorden geplagten Ich.)
Und Muff Potter machen eine Reunion-Platte, der sie sich 2020 in einem zugegebener Weise ungelenk und einstudiertem Interview nicht sicher zu sein schienen, aber gleichzeitig nach einer Reihe von Reunion-Konzerten (sieben auf einen Streich sollten es sein, aber es kamen immer mehr dicke Brummer dazu) veröffentlichten sie einen Song und warfen sich und ihre Hörenden damit in die Pandemie. Schweigen. Abschied. Neustart und eine Platte, die "Bei aller Liebe" heißt und das Raunen der Dunkelheit der Fanzine-Seiten lauter werden lässt. Das Cover: Buh!
Ja, die Unsicherheit ist da. Sie ist überall. Werden wir sie mögen (müssen) - werden sie uns mögen? Muss ich meine eigene Meinung revidieren? muszichnich und drücke auf Play.
Akt 2: Der Brühwürfel eines Muff-Potter-Songs und wie ich ihn zu ermorden gedenke.
All Killer (no Filler) eröffnet das Album mit brummiger sanfter Zerre in Gitarre und Stimme und als der Rest dazukommt, bleibt es dabei. Niemand ist in Eile und niemand hat vor, eine Deutschpunk-Platte zu machen. Es wird was erzählt und wie so oft kann sich jeder selber was dazu denken. Der Pace nimmt Fahrt auf, als "Ich will nicht mehr mein Sklave sein" beginnt, den Jan Müller in seinem Podcast mit Thorsten "Nagel" Nagelschmidt als klassischen Muff-Potter-Song bezeichnete, aber das Gitarrenriff-Konglomerat lässt mich überrascht zurück und dieser Satz macht keinen Sinn. Ja, der Text trägt den emotionalen Charakter der eigenen Zerbrechlichkeit auf den Lippen und das ist ja etwas, was Muff Potter immer konnten und dankenswerter Weise auch viel und gut taten (Den Haag, Die Guten, Parker...). Aber sie wollten niemals die selben sein sondern die freiesten Menschen die sie kennen und deswegen wird der drauf-hau-Faktor gegen Groove und Beat ausgetauscht und es wird erzählt (Flitter und Tand und Ein gestohlener Tag) und die Zuhörenden dürfen einfach zuhören, dürfen - vielleicht mit Kopfhörer und Hoodie ausgestattet - kurz zugeben, dass sie das, was da gerade besungen wird, eigentlich mögen und wenn es das öminöse "Früher" nicht gäbe, würden sie es vielleicht sogar offen vor ihren Freund*innen zugegeben. Danke Punk, dass ich das noch erleben darf. Ich möchte auch niemals mehr zur Arbeit gehen und kurz fassen möchte ich mich wie Muff Potter auch nicht mehr. Hail Delay, hail Redundanz, hail Katjes Sheroes!
Akt 3: Bassist*innen sind im Punk im Pop immer noch unterschätzt, aber dann war der Song auch schon wieder vorbei.
Die Kamellen grooven, sie sind nicht oll. Das Muster Bass und Beat vs. Pling-Pling-Gitarre wiederholt sich und schwenkt im letzten Moment zurück in den Muff-Potter-eigenen Pop-Modus mit den verspielten Wortwitzen, aber das hatten wir schon. Ich bin dankbar für diesen Bass. Nicht dass ich ihn spielen möchte, aber schön, dass er da ist und sich mir sanfte Gummi-Hammerschläge auf den Hinterkopf präsentiert und mit einer geklauten Hook die eingängiste Ohrwurm-Textzeile gleich zu Beginn manifestiert. Ich sehe mich in 5 Jahren bei der nächsten Muff-Platte und ich freue mich, dass die Band auch schon an etwas sehr Spannendes dran ist.
Und der Chor sagt: "Uhhhhuhuh". Das Private ist politisch. Seh ich auch genau. Gegen Privatisierung.
Akt 4: Der einzige Grund diese Review zu lesen, ist, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits sehr weit fortgeschritten und nun gleich vorbei ist.
Chor: "Was bleibt von früher." Der Refrain, der voran geht und sperrige Barrikaden der Kleinstadt werden mit Eingängigkeit weggeblasen wie Wonder Woman die Horden des Bösen. Ja, Kleinstadt, du bist gemeint. Mit deiner Beton-Fußgängerzone und dem Eiscafe Venezia und Karstadt-Monolith mit dreckig-weißer Fassade. Die Schnur um den Hals ist eng, aber du streckst den Daumen dazwischen und weißt, niemand will den Hund begraben. Und die Schwäche deines persönlichen Nottbecks reibt dir das schlechte Gewissen mit Erde ins Gesicht, dass der Sand zwischen den Zähnen knirscht, den Einmischen, nein, das ist nicht die Stärke, wenn es drauf an kommt, sondern hinterher das "mensch müsste" und "mensch sollte" und dann wird dir klar, dass alles was du über die klassische Griechischen Tragödie weißt, ist deine Unentschlossenheit beim Bestellen in einem griechischen Restaurant - und die Angst vor dem obligatorischen Ouzo. Und du schweigst und legst den Tofu schuldbewusst zurück ins Regal und bist wieder Teil des Problems. Hurra, das klappt ja prima mit dem Erde-Retten. Die Loser werden immer gewinnen? Schön wär's, dann wäre das hier doch alles anders. Eigentlich dachte ich das zumindest. Aber ich gelobe den Tag nicht vor dem Abend, sondern Besserung.
Akt 5: Kannst du dich kurz fassen?
Nein. Aber die Platte hat sich bei aller Liebe auch nicht kurz gefasst. Und somit ist das gerecht und würdig. Und verständlich, denn nach so vielen Jahren hat sich einiges angestaut. Ich gewöhne mich noch an diese Gitarren. Das kommt noch und dann wird auch hier gewonnen!
Chor der allwissenden Punk-Verrisszensenten: VON WEGEN!!!!
Vorhang fällt!
01. Killer
02. Ich will nicht mehr mein Sklave sein
03. Flitter & Tand
04. Ein gestohlener Tag
05. Wie Kamelle raus
06. Hammerschläge, Hinterköpfe
07. Privat
08. Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen
09. Nottbeck City Limits
10. Schöne Tage