Altlasten verfolgen mich! Mal wieder! Fast schon ein viertel Jahr liegt dieses Tape nun bei mir rum und wartet auf seine Besprechung! Dickes Sorry geht raus nach Leipzig und Berlin, wo diese Truppe hier beheimatet ist. Dem ersten Tape hat sich 2021 schon Kollege verSemmelt gewidmet und in vielen Punkten kann ich mich ihm eigentlich nur anschließen.
Auch auf diesem live eingespielten Tape klingen die schrägen Songs irgendwie nach DDR-Punk, aber auch nach so wirschen Nischenbands aus den 80ern wie DER MODERNE MAN. Nur halt noch wirscher, überdrehter und schräger. Aber auch nach aktuellen Veröffentlichungen auf Phantom-Records. Ist mir auch ein Rätsel, warum das grad erwähnte Label hier noch nicht zugeschlagen hat, würde sie doch wirklich hervorragend bei ihnen ins Programm passen. Irgendwo zwischen PISSE und SCHIACH. Für mich ist dieser hier gespielte Lofi Synth-Punk manchmal schwer greifbar und daher auch schwer beschreibbar. Passende Attribute sind sicherlich: düster, pessimistisch, kalt, weird, schnell und sperrig. Immer wieder packen mich Melodie oder Textfragmente wie zum Beispiel die Melodie am Ende von fragen (halt die fresse), bei der ich mir sicher bin, das sie irgendwoher geklaut ist, ich aber ums verrecken nicht darauf komme, woher sie entliehen ist. Wer es weiß, oder wenn die Musikerin am Synthie bereit ist das Geheimnis zu lüften, ich würde mich über eine Auflösung freuen.
Tagelang habe ich auch die Textzeile "ich reflektiere meine Privilegien und distanziere mich nicht nur von mir selbst, sondern auch von allen anderen ... und dann sagst du dummes Schwein auch noch, ich soll dankbar sein" im Hirn, ohne das ich genau weiß, was mir die Absender:innen damit sagen wollen. An anderer Stelle ist wiederum nicht viel Interpretation von Nöten, um zu verstehen, was vermittelt werden soll. Siehe zum Beispiel fragen (halt die fresse), in der es um normative Schönheitsideale und Vorstellungen vom menschlichen Körper geht oder upper/downer, wo der Konsum von Drogen thematisiert wird. Ein Blick ins Inlay, in dem die Texte abgedruckt sind, hilft hier ungemein.
Ambivalenz macht sich bei mir breit. Wie gesagt, stellenweise lässt mich dieses Tape fragend und leicht verstört zurück. Aber vielleicht ist das ja auch eine der Intentionen hinter diesem Werk. An andern Stellen packt und fasziniert es mich.
Ach ja, und ich mag den beängstigenden Hund auf dem Cover der Kassette. Sieht wunderbar fies und gefährlich aus.
01. fragen (halt die fresse)
02. upper/downer
03. schreibtischtäter
04. inkasso & herzschmerz
05. toxic positivity
06. hunde
07. drohnen
08. rentenbescheid