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Ferien

Mist! Alle Playlists des vergangenen Jahres sind bereits online und der Bierschinken-Jahresrückblick ist ebenfalls schon lange in die Tastatur gezimmert worden und dann kommt da doch noch ein Release aus 2022 um die Ecke, das es verdient gehabt hätte, in den ganzen Rückblicken berücksichtigt zu werden. Mir ist es eigentlich unverständlich, warum das neue TOT-Album so an mir vorbeigegangen ist. Zum einen erscheint sie zum Teil auf meinem Dortmunder Lieblingslabel und zum anderen habe ich bereits den Vorgänger von "Ferien" sehr lange rauf und runter gehört. Damals war es vor allem der Song Kündigung, den ich meinem damaligen Chef gerne auf den Anrufbeantworter gesprochen hätte, auch wenn er vermutlich mehr an einen oder eine Vermieterin gerichtet ist. Wie ein Wurm, der sich durch ein Apfelgehäuse frisst, fraß sich die Zeile „Dir gehört das Loch, in dem ich wohne, ich kündige, verreck an deiner Kohle.“ in mein Gehirn. Der Weggang verlief dann auch ohne diesen Move ganz erfolgreich, der Refrain des Songs blieb jedoch noch so einige Zeit in meinem Kopf.

Anders als zuvor erscheint mir der Sound bei "Ferien" etwas fetter und zwingender als auf "Lieder vom Glück", ebenfalls neu bei den chronisch angepissten Menschen aus dem hohen Norden ist der mal alleinstehende, mal im Wechsel vorgetragene weibliche Gesang. Treu geblieben sind sie sich hinsichtlich dessen, dass sich hier vermischt, was irgendwie schon immer zusammengehört hat. Da hätten wir soundtechnisch natürlich Punk, vielleicht auch mal mit einem Post- davor, der immer wieder mit wuchtigem Noise kopuliert und dann mit Garage, Fuzz, Surf, Grunge und ein wenig NDW verfeinert wird. Wer das jetzt so liest, kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie düster das Resultat ausfällt. Wer sich hiervon einen bleibenden Eindruck verschaffen will, kann dies perfekt mit dem Opener Der Hund tun, von dem es auf einschlägig bekannten Videokanälen auch etwas fürs Auge gibt. Da schüttelt es einen, während man den Kindern die Ohren zu hält, wenn dort psychotisch, mit stampfend, fast schon monotonem Beat und schrammeliger Gitarre, unterlegt von einem kaputten Dasein inklusive einer stinkenden Wohnung über einem ALDI gesungen wird. Das alles mit einer Intensität, dass bei mir ungewollt Bilder aus Fatih Akins Film über Fritz Honka und dessen widerlicher Behausung vor meinem inneren Auge auftauchen. Eichen ist dann thematisch wie klanglich nicht weniger schwer verdaulich. Dieses verstörende Konzept wird auf "Ferien" immer wieder aufgegriffen, sei es beim Titeltrack oder beim sich schleppenden Gold, das auch gut auf die neue RAUCHEN gepasst hätte. Überhaupt trieft die ganze Scheibe nur so vor Frust, Wut und Nihilismus, dass es eine wahre Freude ist!

Aber sie können auch anders, nämlich mitreißend, melodisch, fast schon poppig und hymnisch wie bei Leistung, bei dem zu Beginn des Songs mal eben gekonnt die RAMONES und TURBONEGRO verwurstet werden, bevor es dann weitergeht und sie die Leistungsgesellschaft mit scharfen Spitzen direkt ins Herz treffen. Ganz klar die Ohrwürmer und somit auch die eingängigsten auf "Ferien" sind neben Leistung zum einen Logik, der auf mich zwar eine musikalisch beflügelnde Wirkung hat, während er mich gleichzeitig mit seinen niederschmetterndem Lyrics auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Zum anderen das Tresenlied Fiesta, das wirkt wie das gleichsam fiese wie philosophische, deutschsprachige Pendant zu FIDLAR. Indem diese süffisant hingerotzten Zeilen wie "Kopp in Nacken, Kopp in Nacken, Kopp in Nacken" , "Alles was ich jetzt noch brauch ... Tütensuppe, Käse Lauch" und "krieg vom Leben nicht genug... danke, dass ich saufen kann" sich anschicken, Kündigung als Dauerohrwurm von dieser Band bei mir zu ersetzen.

Hätte ich dieser Scheibe bereits früher die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdient hätte, es hätte sich verhalten wie eingangs erwähnt, sie hätte bei mir sicherlich Einzug in die Kategorien bestes Album und bester Song gehalten. Überhaupt finde ich, dass die Band viel zu sehr unter dem Radar fliegt und dass sie viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte! Also Leute, bucht und veranstaltet diese Band bitte, dann komme ich vielleicht alsbald mal in den Genuss, sie live zu sehen!

Kommt, wie es sich für richtige Ferien gehört, mit Postkarte, eingetütet in schönstem 350 Gramm GC1 Coverkarton und ist erhältlich in drei verschiedenen Farben.

Peter 01/2023
Hörprobe:
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Tot - Ferien

Stil: Punk, Noise-Punk, Garage Punk
VÖ: 11.11.2022, LP, Spastic Fantastic, La Pochette Surprise


Tracklist:

1. Der Hund
2. Eichen
3. Sum
4. Leistung
5. Ferien
6. Sterne
7. Logik
8. In Blumen
9. Gold
10. Fiesta




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Doeskopp

27.01.2023 17:29
100% Zustimmung! Definitiv eine der interessantesten Neuerscheinungen letztes Jahr. Einziges Manko - kein Textblatt bei der LP. Manchmal ist da doch die ostfriesische Wolldecke im Mund. :-)
verSemmelt
(verSemmelt)
27.01.2023 21:04
Ist ja nicht so, dass die Platte im Bierschinken-Jahresrückblick unter Rubrik 2 (Beste Platte) nicht nicht berücksichtigt worden ist... (war das jetzt die exakte Menge an 'nicht'?)
Jörn Birkholz

27.01.2023 22:51
Jep, zufällig gehört. Schon bezeichnend, dass sowas unterm Radar läuft. Erinnert ("Der Hund") sogar phasenweise an "Campingsex".
Peter
(Peter)
28.01.2023 12:31
Oh, sorry verSemmelt. Muss ich überlesen haben. Ich hätte sie bei mir definitiv auch noch aufgenommen.

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