Wer mag Schreie? Denn wer Lessoner hört, wird sich Anbrüllen gefallen lassen müssen. Es gibt da ja unzählige Arten und ich kenne mich nicht so aus, aber bei Lessoner handelt es sich um diese Art, wo die Texte trotzdem deutlich zu erkennen sind. Und sie sind nur ein Teil des lyrischen Vortrags. Neben der klassischen Gesangsweise mischen und mixen sich die markerschütternden Screams in die Lieder, dass es mich emotional anspricht und an meine frühere Screamophase erinnern lässt. Die Grenze zwischen gefühlvoll und theatralisch oder sogar pathetisch ist ja fließend und jede*r wird da unterschiedlich angefixt, ich für mich muss gestehen, dass die expressive Zurschaustellung innerer und äußerer Zerrissenheit vollkommen aufgeht. Ich finde es sogar mutig, die Verletzlichkeit nicht hinter der, bei Hardcore sonst so üblichen, harten Gitarrenwand zu verstecken, sondern ihr auch durch sanfte Töne Ausdruck zu verleihen, bei Missgunst sogar mit Klavierbegleitung.
Die EP erscheint zwei Jahre nach Exzenter und gab es da noch Hoffnung oder zumindest ein offenes Ende und Kampfeswillen, schwirrt nun die ganze Zeit ein Nebel der düsteren Bedrohung aus meinen Boxen. Lessoner machten noch nie Wohlfühlmusik, aber jetzt befällt mich ein Gefühl der Ohnmacht und Kapitulation. Komischerweise verspüre ich dabei keine Angst, eher mache ich meinen Frieden mit der kommenden, für immer anhaltenden, kalten Nacht.
Philipp, Lucas und Richard formulieren im handverfassten Anschreiben, dass viel Herzblut in diese Veröffentlichung geflossen ist und dies ist auf jeden Fall auch in der Aufmachung und Verpackung des Tapes zu merken. Die zusammensteckbare Kartonhülle entfaltet sich zu einem von innen komplett bedruckten Kreuz mit Zerfalls- und Vanitassymbolik und ist reichlich bestückt mit Downloadcode, schön gestaltetem Textblatt und einem handgeschriebenen Songzitatsticker. Dieses Artwork von Christian Brix ist wirklich der Hammer!
Anspieltipps: Song 1 Still und Lied 5 Glut frisst Angst
Seite A:
01. Still
02. 05:18 02:48
03. Der Sommer war zu kalt
Seite B:
04. Gala
05. Glut frisst Angst
06. Missgunst (feat.Feale)