Die in Köln ansässigen INNER CONFLICT haben ihr dreißigjähriges Bestehen bereits letztes Jahr hinter sich gebracht und haben mir persönlich durch ihre wiederholten Auftritte im örtlichen Jugendzentrum in Bergkamen und anderen lokalen Bühnen, bei meiner Punksozialisation durchaus geholfen. Waren und sind sie doch eine der Bands, die weder New School Hardcore oder Metalcore gespielt haben, der mich damals auch aufgrund seiner wenig verwertbaren politischen und gesellschaftskritischen Aussagen abgeholt hat, noch waren sie eine dieser manches Mal stumpfen und oft parolenhaften Deutschpunkbands.
Schon damals verstanden sie es, kraftvolle Punksongs mit cleveren Aussagen zu schreiben. Trotzdem hat leider nie ein physischer Tonträger dieser Band seinen Weg in meine Sammlung gefunden. Das ändert sich nun mit "At Any Time", einer 7 Song starken EP, die gemeinsam von Raccoone Records und Santa Diabla raus gebracht wird. Dabei muss ich gestehen, an Gelegenheiten, mir eine Platte von ihnen zu kaufen, hat es nicht gefehlt, haben sie doch bereits einen stattlichen Katalog an Veröffentlichungen vorzuweisen. Immer mal wieder gehört habe ich zum Beispiel das Album "Schere, Klebstoff, Papier", das man genauso wie ihre anderen Platten auf bandcamp findet. Ausgenommen ihre frühen Split-LPs mit YACOPSAE, MALGOBIERNO und anderen. Ihr letzter Output "First They Take Manhatten Then They Take Kalk" ist schon prepandemisch und erblickte 2018 das Licht der Welt. Nun sind sie also mit "At Any Time" zurück und was wieder sofort auffällt, ist der wirklich tolle, eingängige Gesang von Sängerin Jenny. Ich hoffe, ich lehne mich nun nicht zu weit aus dem Fenster, aber ich würde sagen, dass sie seit jeher über eine der am besten klingenden Stimmen unter all den singenden Frauen des deutschen Punkrocks verfügt und zudem genau weiß, wie sie diese einzusetzen hat. Das hört man zum Beispiel wunderbar bei Guantanamo Beach Party oder Anzünden. Bei den Lyrics von Anzünden, wenn es da heißt "Ich muss hier gar nichts mehr anzünden, die Welt brennt sowieso schon lichterloh", kann ich immer nur zustimmend nicken. Ähnliche Gedanken kommen mir auch immer, wenn ich irgendwo auf die "Destroy Everything" Parole stoße. Hier und da bekommt sie aber auch Unterstützung von extern hinzugezogenen Gastsängern wie beim gerade genannten Guantanamo Beach Party oder Geier über Leichen oder von den Jungs in der Band wie bei Tausend Fäden.
Neu dazugestoßen und nun für die Drums verantwortlich ist übrigens Gunther, der vorher bei der Berliner Band EIN GUTES PFERD gespielt hat. Besonders gefallen mir die tiefgründigen Texte, die sich z. B. ums Scheitern, Einsamkeit, Egozentrismus und Hoffnungslosigkeit drehen, so wie ich sie interpretiere. Zudem gefällt mir das Zusammenspiel von Gitarre und Schlagzeug sehr, die auch hier wieder genau verstehen, wann sie Dampf machen und wann wieder Tempo rausnehmen müssen, um diese Mischung aus Melancholie und Melodie zu erzeugen, die den Sound von INNER CONFLICT so auszeichnet.
Spitzen Platte, bei der der einzige zulässige Kritikpunkt sein kann, dass sie zu kurz ausgefallen ist. Sollte irgendwo zwischen DUESENJAEGER, KAPUT KRAUTS und PASCOW im Plattenregal stehen.
1. Vanessa
2. Quickfix
3. Geier über Leichen
4. Guantanamo Beach Party
5. Anzünden
6. Tausend Fäden
7. Pegel