Nicht eingeloggt - Login [Registrieren]
Login X

Passwort vergessen?
Team Scheisse:
20 Jahre Drehorgel

Team Scheisse legen ihr nun drittes Album vor und langsam machen sich bei mir leider leichte Abnutzungserscheinungen breit. Der Überraschungsmoment des ersten Albums, das quasi aus dem Nichts kam, ist lang verflogen und von der darauf folgenden Euphorie brummt mir noch heute der Schädel. Der Nachfolger wurde hier ebenfalls von mir abgefeiert, bestand dann aber nicht in Gänze den Test der Zeit. Die ersten Nervensägen im Output kristallisierten sich heraus. War die Single 20:15 schon schwer erträglich, wurde von mir jedoch noch erfolgreich ausgeblendet, war dann ein Song wie "Schmetterling" schnell unerträglich. Mehrere Konzerterfahrungen schmälerten dann weiter meine Begeisterung. Zu viele gehypte Menschen in zu teuren und sauberen Turnschuhen, die verdächtig oft das Smartphone zücken, wenn alle anfangen zu hüpfen und mit zu klatschen. Auf einmal brennen zu "Frank" die Feuerzeuge, die grade Mami und Papi noch bei "Tage wie diesen" in die Höhe gehalten haben. Vereinzelte Fremdschammomente vor und auf der Bühne taten ihr Übriges. Langsam ahnte ich warum die Scene-Credibility größtenteils gen Null tendiert.
Trotzdem blieb ich und bleibe auch heute noch weit davon entfernt, mich dem oftmals polemischen Hate in den Kommentarspalten anzuschließen, in denen die zumeist weit gealterte Punkszene ihren Hass und ihr Unverständnis auf die Band freien Lauf lässt. Den einen sind sie zu woke, was oftmals mehr über die, die diese Kritik ins Land führen, aussagt, als über die Band selbst. Den anderen singt Sänger Timo zu schräg und gestellt, darin erkennen sie ein neues Muster im Punk, in dem dies früher so noch nie vorgekommen sei. Das muss wohl stimmen, erinnern wir uns doch alle gern an den wohlklingenden Tenor von Jello Biafra, dem Bariton von Johnny Rotten oder die gesanglichen Finessen eines Wolfgang Wendlands. Den nächsten ist das ganze zu schlicht und anscheinend gemacht für einfache Menschen und gerade eben das wollte Punk ja nie sein. Punk war schon immer hoch komplizierte Musik für Intellektuelle. Weiß man ja! Was ich mittlerweile ganz genau weiß ist, dass, wenn der Bandname Team Scheisse in einer Kommentarspalte auftaucht, auf das Popcorn futtern schnell Übelkeit und Kopfschmerz folgt. Und dann ist da ja noch die Sache mit den T-Shirts. Hierzulande ein Dauerbrenner für hitzige Diskussionen. Hierzu haben wir doch alle eine Meinung, natürlich auch ich!
Schaut man dann noch auf die Herren, die sich ebenfalls so Soulforce Records tummeln, erfordert dies in Hinblick auf die von den Bremer:innen propagierte Moral und Ethik Ambiguritätstoleranz und kann vielleicht bei einigen die Frage aufkommen lassen, wie integer die Band denn selbst ist! Wieder andere hassen sie, weil sie Hype sind und das ist natürlich abzulehnen, bloß nichts hören (mögen, essen, schauen ...), was viele andere auch mögen. Immer schön konservativ beim Altbewährten bleiben!

Aber kommen wir aber nun vielleicht einfach mal zum neuen Album, es beginnt mit dem schrammeligen "Lok", in dem das lyrische Ich eine selbige fährt und leider fallen bei mir direkt hier schon alle Klappen zu. Wieder so ein Song mit nervtötendem Refrain, der es (durchaus beabsichtigt) schafft, mich in wenigen Sekunden schwer zu ohrfeigen. Immer wieder zuckt mein Auge nervös, wenn dieses Mundgetröte erklingt, mit dem die Dampflok nachgeahmt werden soll. Mich nervt er, aber ich denke, die meisten anderen werden es wohl lieben. "Alle meine Hobbies" ist dann zu Beginn an der Gitarre wieder zackig unverzerrt und bedient die bei der Band etablierte Meme-Kultur, holt mich aber trotz seiner zwischenzeitlichen Volleskalation auch nicht wirklich ab. "Altbauwohnung" möchte alternative Strategien zur Mietpreisbremse liefern, BURNOUT OSTWEST waren hier schneller und ähnlich kreativ. Wichtige Thematik, frech und witzig verpackt und doch lässt er mich relativ unberührt zurück. Ich schreibe relativ, weil da könnte eventuell doch noch was gehen. Allerdings muss ich der Band attestieren, dass sie thematisch immer am Puls der Zeit liegen. Das beweisen neben dem gerade erwähnten Titel auch das annehmbare "Kaffee die Tage", das so oder so ähnlich in einem Berliner Cafè mitgeschnitten worden sein könnte oder "Raucherpausenvibes" und "Pluto", für das es wohl keinen besseren Erscheinungstermin als nach der kürzlichen Bundestagswahl gibt. "Raufasertapete", das Lethargie und Depression zum Thema hat und "Kaffee die Tage" muss ich dann erstmals mit einem fetten Grinsen honorieren. Ich werde langsam warm. Ähnlich geht es mir mit "Raucherpausenvibes", das so herrlich drüber ist, wie man es seit der ersten Minute von den Bremer:innen kennt. "Cop Killer von Body Count" sticht dann als erster Song für mich wirklich hervor. Vornehmlich vom Klangbild, das sich stark vom eigentlich zelebrierten Schrammelpunk abhebt. Außerdem gesanglich durch die Variation am Mikrofon und einem Refrain für die Ewigkeit. Somit ist er für mich schnell der Titel mit dem höchsten Wiederspielwert. Das hardcorige "Spuckstein" zieht dann schnell nach, da es mit einer mit einer Bissigkeit besticht, die man an anderer Stelle vielleicht vermissen kann. "Mittelfinger" und "Beige" sind dann ein Zeugnis dafür, wie es die Band schafft, mit wenigen Mitteln zukünftige Publikumsfavoriten zu schreiben. Wie fast jeder Song fräsen sie sich mit ihren griffigen Slogans ins Gehirn, ob man dies nun gutheißt oder nicht. Nach den letzten Songs bin ich nun nicht nur warm, sondern on fire. Mit "Der Wirtschaft", bei dem dreist bei "Where is My Mind" von den Pixies geklaut wurde, "Ikeamensch", das textlich zu 100% zu trifft und das gerappte "Erwachsenencospaly" biegt das Album dann auf die Zielgerade ein, verliert mich dabei dann leider letztendlich doch wieder zusehends. Allesamt nerven mich dann doch wieder auf irgendeine Art. Textzeilen wie "Inzwischen hab ich da Hausverbot weltweit nur wegen einer kleinen Arschbombe im Bällebad" (Ikeamensch), "mit dir (der Wirtschaft) kuscheln oder knutschen" (Der Wirtschaft), "an alles muss an alles denken z.B. Scheibletten auszupacken bevor man sie essen kann" (Erwachsenencosplay) sind mir irgendwie zu viel Kindergarten-Dada. Der sich langsam und wuchtig aufbauende Rausschmeißer  "Wo ich bin ist die Party (die Party bin ich) (ich bin die Party)" versöhnt mich dann zum Glück ganz am Ende doch noch. 

Das Artwork der Platte ist diesmal nicht so herausragend wie bisher und lügt mit seinem Aufdruck "für jung und alt", da wir ja bereits eingangs feststellen mussten, dass sich die meisten "Alten" beim bloßen Erklingen des Bandnamens mit Abscheu abwenden. Eigentlich mehr eine Ehrung als ein Makel! Die ausgewählten Einspieler sind hingegen wieder 1A. Meine kackbraune Fahne, von der ich hier noch letztes Mal geschrieben habe, weht nach dem für mich durchwachsenen Album nicht mehr ganz so stark im Wind, wurde allerdings auch noch nicht ganz eingeholt. Momentan wird sie halt nur an Feiertagen gehisst, wenn ich auf dem Weg zur Tanke bin, um Blumen zu holen. Einige Perlen sind dann ja auch diesmal wieder mit von der Partie. Meine Anerkennung für die konsequente Weiterführung ihres Konzeptes und dem damit einhergehenden Erfolg, der mich auch heute noch immer wieder erstaunt, sei ihnen also weiterhin gewiss. Keine andere Punkband aus dem deutschsprachigen Bereich hat wohl momentan so einen popkulturellen Impact wie Team Scheisse und das mit meist simplen 80er Schrammelpunk. Das zeigt der Hinweis "Ausverkauft" an der Ankündigung von drei aufeinander folgenden Konzerten in ihrer Heimatstadt deutlich. Muss man erstmal schaffen!

Peter 04/2025
Hörprobe:
Bitte hier klicken, um diese Einbettung von Youtube zu aktivieren.Mehr Infos, wie wir mit Einbettungen von externen Anbietern umgehen, hier.
Team Scheisse - 20 Jahre Drehorgel

Stil: Punk
VÖ: 07.03.2025, LP, Soulforce Records


Tracklist:
1. Lok
2. Alle meine Hobbies
3. Altbauwohnung
3. Kaffee die Tage
4.Raufasertapete
5. Cop Killer von Body Count
7. Pluto
8. Raucherpausenvibes
9. Spukstein
10. Mittelfinger
11. Beige
12. Der Wirtschaft
13. Ikeamensch
14. Erwachsenencosplay
15. Wo ich bin ist die Party (die Party bin ich) (ich bin die Party)



Kommentar eintragen:

dreck

04.04.2025 13:59
dreck
Peter
(Peter)
04.04.2025 16:30
Ah der erste Qualitätskommentar
alexanderdavide
(alexanderdavide)
04.04.2025 20:09
Sehr schön erörtert

Kommentar eintragen - Anmerkung, Kritik, Ergänzung

Name:

e-Mail:

Kommentar:
Deine Eingaben werden bis auf Widerruf gespeichert und für Nutzer der Seite sichtbar.
Die Angabe der Email-Adresse ist freiwillig und sie bleibt nur sichtbar für eingeloggte Nutzer.
Weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung.
part of bierschinken.net
Impressum | Datenschutz